»neXTkultur« – seit 5 Jahren ein wesentlicher Schwerpunkt der Jugendverbandsarbeit

Dieses Jahr feiert der Landesjugendring Niedersachsen nicht nur den 40. Geburtstag, sondern auch fünf Jahre „neXTkultur” und damit die aktive Öffnung des Jugendrings für neue Mitgliedsorganisationen, die durch die Einwanderung in Deutschland entstanden sind. Diese werden oft als Vereine junger Menschen mit Migrationsgeschichte (VJMs) oder Migrant-innenJugendselbstorganisationen (MJSOen) beschrieben. Da viele Mitglieder dieser Organisationen aber in Deutschland geboren sind und selbst nie Migration erlebt haben, ist der zusammenhaltende Faktor oft ein anderer (siehe korres #132).

neXTkultur in der „korrespondenz Nr. 133”

Bei der 35. Vollversammlung vor 5 Jahren wurde der Bund der Alevitischen Jugendlichen im Norden – BDAJ Norden e.V. in den Landesjugendring Niedersachsen e.V. aufgenommen.  Zwei Jahre später bei der 37. Vollversammlung in 2014 wurde der DITIB Landesjugendverband Niedersachen & Bremen Mitglied. Beide sind Mitglied im ANJ, dem Arbeitskreis Niedersächsischer Jugendgemeinschaften (ANJ), u.a. zusammen mit der Jungen Presse und der Arbeiter-Samariter-Jugend.
Nicht nur beim Sommerfest des Ministerpräsidenten am 02.06.2017 waren Vertreter-innen beider Organisationen selbstverständlich dabei. Bei den feier-abend-gesprächen des LJR am 24.08.2017 würdigte Sozialministerin Cornelia Rundt den Öffnungsprozess des Landesjugendrings und gratulierte zu den 5 Jahren Mitgliedschaft von VJMs/MJSOen: also 5 Jahre des BDAJ Norden und 3 Jahre des DITIB Landesjugendverbands.
Durch diese beiden neuen Mitglieder bekommt der Landesjugendring auch Einladungen zu für uns bisher neuen Veranstaltungen, wie z.B. dem Aşure-Tag beim Alevitischen Verband und dem gemeinsamen Fastenbrechen mit dem muslimischen Verband DiTiB.
Doch worum geht es bei diesen Feierlichkeiten und welche Bedeutung haben diese für die Jugendlichen und Jugendgruppen? Dieser Frage sind wir auf den Grund gegangen.

Muharrem Fasten
Beim Muharrem handelt es sich um eine 12-tägige Trauerzeit, während der die Aleviten der Geschehnisse in der Stadt Kerbala im Jahr 680 n. Chr. gedenken. Hier kam der Imam Hüseyin, ein Nachkomme der Familie des Propheten Muhammed, samt Verwandten und Gefolgsleuten ums Leben. Das Muharrem-Fasten erstreckt sich auf 12 Tage, ent­sprechend der Zahl der im Alevitentum bedeutenden Nachkommen Mohammeds, den sogenannten „12 Imamen".
Nach dem Abendessen wird bis nach Sonnenuntergang des folgenden Tages nichts mehr gegessen oder getrunken. Aleviten achten insbesondere in dieser Zeit auf die Genügsamkeit und verzichten auf die Verschwendung natürlicher Güter; auch wird kein Fleisch gegessen. Am Ende der Trauerfastenzeit wird gemeinsam die Aşure-Suppe verzehrt, die aus 12 Zutaten besteht. Dazu war auch der Landesjugendring dieses Jahr eingeladen und war beim Aşure-Tag in der alevitischen Gemeinde Hannover anwesend.
Der Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland – Regionalverband Norden e.V. (kurz: BDAJ Norden) wurde 1995 gegründet. Dieser ist der Regionalverband, der sich  aus Jugendgruppen in Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin zusammensetzt, des bundesweiten Zusammenschlusses, dem über 145 Mitgliedsvereine angehören. Der BDAJ vertritt die Interessen alevitischer Kinder und Jugendlicher in Politik und Gesellschaft, setzt sich für den Erhalt und die Erforschung der alevitischen Lehre ein,  unterstützt, berät und fördert seine Ortsgruppen und Mitglieder und trägt so zur demokratischen Mitgestaltung alevitischer Jugendlicher bei. Das aktuelle Verbandsmotto ist: Alevitisch ist, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.

Fragen an Nergiz Demirkaya, Generalsekretärin des BDAJ Norden
Was bedeutet das Muharrem-Trauerfasten dir?
Für mich bedeutet es mehr Zusammenhalt in der Gemeinde. Vor allem aber, dass man gemeinsam dieselben Gefühle teilt und gemeinsam sein Fasten bricht. Egal, ob jung oder alt.
Wie gestaltet ihr diese Zeit mit deiner Jugendgruppe?
Da in dieser 12-tätigen Fastenzeit jegliche Art von Feierlichkeiten verboten ist, versammeln wir Jugendlichen uns nach dem Fastenbrechen in unserem Jugendzimmer und singen gemeinsam alevitische Lieder (Deyis) oder tauschen Informationen über die Trauerfastenzeit aus. Oftmals besuchen wir andere Ortsjugenden oder laden auch gerne andere ein. Dieses Jahr haben wir gemeinsam ein kleines Theaterstück vorbereitet. Ansonsten ist uns Jugendlichen wichtig, dass wir alle tatkräftig anpacken und natürlich in der Gemeinde helfen, sei es beim Essen vorbereiten oder verteilen.
Wie können Nicht-Aleviten dir in dieser Zeit eine Freude machen?
Eigentlich erwarte ich nichts Großes von meinen nicht-alevitischen Mitmenschen. Mir wäre es sogar lieber, wenn sie sich ganz normal verhalten würden neben mir, d.h., sie müssten sich auf gar keinen Fall gezwungen fühlen, auf Essen und Trinken zu verzichten! Dennoch könnten sie mir ein wenig Freude machen, indem sie Interesse für das Thema zeigen.



Auch christlich geprägte Traditionen geben Anlass, gemeinsam zu feiern. Dieses Jahr bereiten Vertreter-innen der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD), der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) und des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) gemeinsam eine Aussendefeier im Advent zur Verteilung des Friedenslichts aus Bethlehem vor. Tasnim El-Naggar (MJD): „Ich bin bereits zum dritten Mal dabei und freue mich, dass Jugendorganisationen verschiedener Religionen zusammen das Symbol des Friedens weitertragen.“
Was bedeutet dir diese gemeinsame Aktion?

Tasnim El-Naggar (MJD): "Ich finde es schön, dass Jugendorganisationen verschiedener Religionen die Möglichkeit haben, zusammen das Friedenslicht als Symbol des Friedens weiterzutragen und damit ein Zeichen zu setzen."

Wie gestaltet ihr dies mit euren Jugendgruppen?

Tasnim: „Die MJD ist bereits zum dritten Mal dabei. Erst haben nur ein paar MJDler teilgenommen, nun organisieren wir seit zwei Jahren mit. Ich freue mich darüber, dass uns dieses Vertrauen entgegengebracht wird und wir nun auf Augenhöhe dabei sind. Wir haben regelmäßige Planungstreffen und bereiten die Aussendefeier gemeinsam vor. Bei der Feier selbst hat jeder seinen Anteil: Neben evangelischem Pfarrer und katholischem Priester sprach auch ich im Namen der Muslimischen Jugend ein paar Worte. Neben den vielen Pfadfindern nahm auch eine MJDlerin ein Friedenslicht entgegen, um es weiterzuverbreiten. Ein junger palästinensischer Mann spielte die Oud, eine Art arabische Gitarre, und ließ auch „Jingle Bells“ anklingen. Ich glaube das war für viele das Highlight.“

Was wünschst du dir für das Zusammenleben in dieser Gesellschaft, egal ob nun religiös oder nicht?

Tasnim: „Ich würde mir wünschen, dass solche Aktionen wie das Friedenslicht in Zukunft ganz normal werden und sich niemand mehr darüber wundert, dass Christen und Muslime – oder auch Menschen anderer Zugehörigkeiten – etwas gemeinsam machen. Mein Ziel ist es, dass so etwas eines Tages selbstverständlich ist. Mir ist es wichtig, dass sich Menschen gegenseitig wertschätzen, egal ob und welcher Religion sie angehören, und sich gegenseitig ihr Leben in Freiheit leben lassen. Ich glaube, dass ein großes Potenzial dahinter steckt, wenn Menschen verschiedener Religionen sich zusammentun, um so etwas wie das Friedenslicht, das jedes Jahr in der Geburtsgrotte Jesu entzündet wird, zu feiern und so ihre gemeinsamen Wurzeln wiederzuentdecken. Sowohl Christen als auch Muslime glauben an Jesus, wenn auch auf andere Art. Warum sich nicht zusammen daran erinnern?“ 



Der DITIB  Landesjugendverband Niedersachsen und Bremen wurde 2009 gegründet und vertritt die Interessen der Jugendlichen der 89 Gemeinden. Dem bundesweiten Dachverband Bund der Muslimischen Jugend (BDMJ)  gehören  über 850 Jugendgruppen an. Der DITIB Landesjugendverband und der BDMJ koordinieren und fördern die Arbeit von Jugendgruppen in den DITIB-Moscheen und vertreten die Interessen von muslimischen Jugendlichen, ermöglichen den Jugendgruppen soziales Engagement und Qualifizierung und regen Jugendliche zum kritischen Denken und Handeln an. Das Leitmotiv der Jugendarbeit ist der Ausspruch ihres Propheten Mohammed: Der beste Mensch ist der, der den Menschen am nützlichsten ist.

Fragen an Sümeyra Kilic, Vorsitzende des DITIB LJV Niedersachsen & Bremen
Was bedeutet der Ramadan dir?
Der Monat Ramadan ist für mich eine Zeit der Entschleunigung und der Dankbarkeit. Erst wenn einem etwas entzogen wird, versteht man, wie wichtig dieses ist. Auch ist der Ramadan für mich die Zeit der Familie und Freunde, die Zeit des Zusammenkommens und des Beisammenseins.
Wie gestaltet ihr diese Zeit mit deiner Jugendgruppe?
In unseren Jugendgruppen werden im Monat Ramadan Fastenbrechen mit Familie und Freunden veranstaltet. Auch Nicht-Muslime werden eingeladen, damit dadurch die Freundschaften verstärkt werden.
Wie können Nicht-Muslime dir in dieser Zeit eine Freude machen?
Indem sie unsere Einladungen zum Fastenbrechen annehmen und somit diesen Monat der Ruhe mit uns teilen und wir gemeinsam eine schöne Zeit verbringen.

Ramadan
Der Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime, der immer im neunten Monat des islamischen Mondkalenders stattfindet; deshalb verschiebt sich der Zeitraum jedes Jahr um einige Tage nach vorne. Laut muslimischer Auffassung wurde in diesem Monat der Koran, die heilige Schrift der Muslime, offenbart. Das Fastenbrechen am Ende des Ramadans ist der zweithöchste Feiertag des Islams nach dem Opferfest.
Während des Fastenmonats wird zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken und es wird auch auf Genussmittel verzichtet. Zum Fasten ist jeder Muslim und jede Muslima verpflichtet, sofern diese volljährig und körperlich wie geistig dazu im Stande sind; Kranke, Schwangere und Reisende sind davon ausgenommen. Nach Sonnenuntergang wird das Fasten gebrochen und es wird wieder gegessen und getrunken – oft gemeinsam mit Familie, Freund-inn-en und der Gemeinde.  Auch der Landesjugendring war dieses Jahr eingeladen und hat an einem gemeinsamen Fastenbrechen teilgenommen.